Über das Bloggen bloggen

Knoten im Hirn

Eine Metabetrachtung über das Bloggen.

Über das Bloggen zu bloggen, scheint kein einfaches Unterfangen. Es ist ja gewissermassen die Betrachtung aus einer Metaebene heraus. Über das zu Schreiben, was man tut, ist einfach, finde ich. Solange die Tätigkeit nicht das Scheiben selbst ist. Andersherum: Weshalb schreiben viele Schreibende über das Schreiben? Es scheinen viele großen Autorinnen und Autoren irgendwann die Perspektive des Schreibenden für ihre Geschichten zu nutzen. Über das Bloggen bloggen weniger, so mein Eindruck. Außer diejenigen, die sich das Bloggen als Dienstleistung ausgesucht haben. So tat ich es, also blogge ich regelmäßig über das Bloggen. Aus der Metaperspektive. Schon gemerkt? Diese Perspektive verlasse ich gerade wieder, indem ich über das Bloggen über das Bloggen blogge. Also meta-meta.

Sünden der Vergangenheit

Eine eher unangenehme Begegnung meiner Studienzeit war die mit einem bekannten Autor. Top fünf der wichtigsten Nachkriegsliteraten eines Nachbarlandes. Ich besuchte neben meinem Studienfach den Sprachkurs des Landes, sowie einen Literaturkurs. Der Autor war „Writer in Residence“ und gab zum Abschluss seines Jahres an meiner Universität eine Lesung mit Diskussionsrunde. Der ganze Fachbereich war feierlich versammelt.

In mehreren seiner Texte nahm der namhafte Autor die Perspektive des Schreibenden ein und schrieb über eben die Tätigkeit des Schreibens. Gerne hätte ich erfahren, weshalb er das tut und in welcher Situation. Lange zögerte ich, doch endlich, fast gegen Ende der Diskussion, rang ich mich durch und meldete mich. Ich wollte ihn fragen, ob es für ihn in dem Moment des Schreibens die einzige wahre, weil authentische Perspektive ist, über das Schreiben zu Schreiben. Mich interssierte, ob er manchmal einfach diese Perspektive einnehmen müsse, aus einem inneren Bedürfnis heraus. Ich wusste damals nicht, auf welche Weise Geschichten sich in den Geist eines Autors einschleichen.

Meine Frage war unglücklich formuliert, zumal auf ausländisch. Der Autor fühlte sich angegriffen und verteidigte sich. Ich hatte nahegelegt, dass er nur über das Schreiben selbst schreiben könne. Er sagte, ich solle doch mal sein Werk ansehen! Er schriebe ja auch viel über andere Dinge als das Schreiben. Schade. Ich traute mich forttan nicht mehr in den Fachbereich, da ich für den wohl peinlichsten Moment des Semesters gesorgt hatte. Und ich habe so nicht erfahren, weshalb der Autor, in diesen Momenten, da er es tat, über das Schreiben schrieb.

Die authentische Perspektive

Viele Jahre später. Ich begann ich selbst mit dem Schreiben und dem Bloggen. Dabei stellte ich fest, dass man, wenn man am Schreiben ist, automatisch über das Schreiben nachdenkt. Zumindest so langte, bis ein gewisser flow einsetzt. Ein guter Textanfang ist immer „Ich sitze hier und will schreiben und mir fällt nichts ein. Ich seh auf ein weißes Blatt Papier und überlege …“ doch ist das Papier spätestens jetzt nicht mehr weiß, denn nun habe ich ja was geschrieben. Und ja, Schreiben ist Erfahrung, also sind Geschichten über das Schreiben authentische Geschichten.

Selbstreferentielles

Und doch berührt genau diese Metaperspektive, diese Selbstreferenz, die Grenze zum logisch erfassbaren. Ein kleiner Diskurs in die Mathematik: Kurt Gödel formulierte 1931 seinen Unvollständigkeitssatz. Er besagt,
dass es in jedem hinreichend komplexen formellen Systemen unbeweisbare Aussagen gibt. Ist das wirklich Mathematik? Ja. Zumindest ein Teilgebiet der Mathematik, die formelle Logik. Er formuliert es komplizierter:

Jedes hinreichend mächtige, rekursiv aufzählbare formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.

Kurt Gödel

Die unbeweisbaren Aussagen haben in der Regel die Form: „Diese Aussage ist innerhalb des System XY nicht beweisbar.“ Ist sie wahr? Ja, aber dann wäre sie laut Aussage falsch, da sie ja besagt, nicht beweisbar zu sein. Nein, also dann wäre sie nicht wahr und jede Aussage wäre somit beweisbar. Also doch wahr! Hä? Genau. Knoten im Hirn. Das ist das Drama der Selbstreferenz. Sobald also ein System „hinreichend mächtig“ ist, Aussagen über eine Aussage zu machen, hat sie das Potential, widersprüchlich zu sein. Sprache hat dieses Potential allemal.

Es gibt auch eine literarischere Variante des Satzes von Gödel. Sie ist mehr als 2.500 Jahre alt und stammt vom Philosophen Epimenides.

Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner.

Epimenides

Ist seine Aussage wahr oder eine Lüge? Konjugiere es einmal durch. Mal angenommen es gibt beim Hang zum Lügen der Bewohner Kretas keine Ausnahmen.

Im Moment des Selbstbezugs entsteht Widerspruch. Also, es kann Widerspruch entsehen. Interessant! Ich glaube diese Erfahrung hat jede/r schon mal gemacht, der sich zu intensiv das Bewußtsein bewußt gemacht hat. Während Nachdenken in der Regel einfach ist, kann Nachdenken über das Nachdenken zu Grenzerfahrungen führen.

Doch kommen wir zurück zum Schreiben. Zunächst noch ein literarisches Beispiel, bevor es zu sinntragend wird.

„Wer sind wir, wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ 

„Wir sind Didi und Stulle, wir kommen aus dem Märkischen Viertel und wir gehen zum Bus.“

Fil (Didi und Stulle)

Über das Bloggen bloggen

Und noch einen weiteren Schritt zurück. Da ich Blogs als Dienstleistung anbiete, komme ich nicht umhin, auch über Blogs zu bloggen. Denn ich möchte ja bewerben, dass ein Blog die beste Werbung für das eigene Unternehmen ist. (Gerade komme ich in SEO-Stress, denn ich sollte bestimmte Begriffe nicht zu oft benutzen, hallo Google etc.: Das ist hier kein Keyword-SPAM, es ist zur Erklärung nötig.)

Wenn ich allerdings für eine Kundin oder einen Kunden blogge, schreibe ich ja über deren Angebot oder die Geschichte oder die Unternehmensphilosophie der Kunden. Also nicht auf der Metaebene. Die betrete ich, sobald ich mein Angebot bewerbe. Nun schlage ich dem eben ein Schnippchen und betrete einfach die Meta-Mataebene. In der Hoffnung, dabei nicht auf noch größere Widersprüche zu stoßen.

Nun, viele Jahre nach meiner Begegnung mit dem Autor, weiß ich, wie erkenntnisreich der Selbstbezug sein kann. Ich weiß, wie lohnend die Auseinandersetzung mit der eigenen Tätigkeit ist, sowohl für den Schreibenden, als auch für den Lesenden. Was hätte ich mir von ihm gewünscht? Vielleicht nur eine Ausage, wie diese:

Die Welt ist ein einziger unaufhörlicher Querverweis.

Cees Noteboom

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Diese Begegnung nutzte ich bereits für einen pointierteren Text über das Schreiben über das Schreiben, den ich auf einer Lesebühne vortragen durfte. Dort habe ich die Situation der Begegnung mit dem berühmten Autor noch etwas eindrücklicher geschildert.

3 Gedanken zu „Über das Bloggen bloggen

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